Brave Conversations – Lernen durch kreative Methoden, Reibung und Reflexion
In Zusammenarbeit mit unseren Partnern von Intersticia, Change Labs Stuttgart und der School for Talents hatten wir das Vergnügen, eine ganztägige Lehrveranstaltung auszurichten, die Studierende, Forschende und Lehrende an der Schnittstelle von Technologie und Gesellschaft zusammenbrachte. Brave Conversations ist ein Format, das darauf ausgelegt ist, die menschlichen Dimensionen des digitalen Wandels zu erkunden. Es schafft Raum für kritisches Denken, ethische Reflexion und wertorientierte Auseinandersetzung.
Der Fokus der Veranstaltung am Samstag lag auf der kollektiven Erkundung. Unter der Leitung unserer Gastgeberinnen Anni Rowland-Campbell, Hannah Stewart und Ghada Ibrahim begannen wir mit einem Blick auf die Geschichte technologischer Entwicklung: Technologien sind keine abstrakten Kräfte – sie werden von Menschen erfunden, finanziert und eingesetzt, und zwar innerhalb politischer und ökonomischer Systeme.
Diese Erkenntnis führte uns zur zentralen Frage des Tages:
Wenn wir diejenigen sind, die Technologie entwerfen, trainieren und aktiv nutzen – was sagt das über uns aus? Und wie können wir Technik so gestalten, dass sie der Gesellschaft dient – nicht nur den Märkten?
Der Tag war als körperlich-sinnliche Lernerfahrung angelegt und bezog auch Bewegung und Emotion mit ein. Brave Conversations bedeutet: Lernen durch Tun, durch Fühlen, durch Erleben – nicht nur durch Denken oder Lesen. Dieses Prinzip setzte sich auch am Nachmittag fort, als die Teilnehmenden anhand eines fiktiven Kriminalfalls Fragen zu Werten, Verantwortung und digitaler Handlungsmacht untersuchten. Als konzeptioneller Rahmen diente dabei Moore’s Strategic Triangle:
Was können wir tun? (Operational Capacity)
Was dürfen wir tun? (Legitimität & Governance)
Was sollten wir tun? (Public Value)
Der Fall brachte komplexe ethische Fragen an die Oberfläche: Wem gehören unsere Daten nach dem Tod? Kann ein Large Language Model (LLM) im Namen eines verstorbenen Menschen sprechen? Sind wir moralisch verantwortlich, wenn wir auf seine Antworten handeln? Und wie erkennen und hinterfragen wir die Verzerrungen, die seine Reaktionen prägen?
Zukunft simulieren? KI in Aktion
Um Theorie in erfahrbare Praxis zu überführen, endete der Nachmittag mit einer kollaborativen Simulation mithilfe eines LLMs. In Gruppen gaben die Teilnehmenden der KI Eingaben (Prompts) und erhielten daraufhin Aufgaben, die ein bestimmtes Ziel verfolgen sollten. Die Rollen wechselten im Verlauf – von aktiven Gestaltenden über Beobachtende bis hin zu politischen Entscheidungstragenden – und schufen so einen dynamischen Rahmen, um das Zusammenspiel von Mensch und KI zu erproben.
Was folgte, war ebenso aufschlussreich wie chaotisch:
Zunächst wirkten die KI-Antworten hilfreich und zielorientiert. Doch sobald die Gruppen auf widersprüchliche Ziele und Kommunikationsprobleme stießen, begann das System zu „schleifen“ – es wiederholte Lösungsvorschläge, wich auf Standardstrategien aus und blieb in bekannten Mustern gefangen. Überraschend war, wie viele Teilnehmende dennoch weiterhin versuchten, über das LLM zur Lösung zu gelangen – selbst dann, als klar war, dass es festhing.
Das führte zu einer kritischen Reflexion:
Warum haben wir dem System so stark vertraut – obwohl es keine echten Antworten mehr lieferte?
Was sagt das über unsere Bereitschaft aus, Handlungsmacht abzugeben?
Und wie können wir uns und künftige Fachkräfte darin schulen, in technologievermittelten Umgebungen bewusst und kritisch zu bleiben? Wer tiefer in die Frage des Vertrauens in KI einsteigen möchte, findet weiterführende Gedanken in Ghadas Blogbeitrag auf der Intersticia-Website.
Rückblick und Ausblick
An beiden Veranstaltungstagen eröffnete Brave Conversations einen Raum für offene Fragen, herausfordernde Denkimpulse, Humor und Erkenntnis. Das Format lud dazu ein, nicht nur über Technologie nachzudenken – sondern mit und durch sie. Es forderte dazu heraus, eigene Werte zu formulieren, in Auseinandersetzung zu treten und zu reflektieren, wie digitale Systeme unser Verhalten prägen und von ihm geprägt werden.
In einer Welt, in der Technologie mit nahezu allen Berufsfeldern verwoben ist, helfen Formate wie dieses dabei, Studierende auf eine Zukunft als reflektierte, verantwortungsbewusste Akteur*innen vorzubereiten.
Wir danken allen Teilnehmenden, Moderator*innen und Partnerorganisationen für ihren Mut, diese „mutigen Gespräche“ zu führen – und freuen uns auf die Fortsetzung.